15
Okt
2009

Geisteswissenschaftler: Weltfremde Exoten oder gebildete Fachkräfte?

Heute lese ich in dem von mir sehr geschätzten Blog “Karrierebibel” von Jochen Mai einen Beitrag mit dem Titel ” Schöngeist – Was können eigentlich Geisteswissenschaftler?” von Simone Janson. Spannendes Thema, das mich persönlich angeht. Denn ich bin Geisteswissenschaftlerin. Meine Studienfachkombination: Romanistik (Schwerpunkt Französische Philologie), Germanistik (Schwerpunkt Neuere deutsche Literaturwissenschaft) und Theaterwissenschaft.

Als ich vor 3 Jahren auf mein Magisterexamen zusteuerte, prophezeite mir natürlich jeder, dass ich mit einer gewissen Zeit der Arbeitslosigkeit rechnen müsse, 6-12 Monate seien da ganz normal. Und so war ich ehrlich überrascht, bereits nach 2 Wochen Bewerbungsphase zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Es ging um ein PR-Volontariat in München. Die erste Frage, die ich mir im Vorstellungsgespräch gefallen lassen musste lautete: “Ich sehe hier, dass Sie Theaterwissenschaft studiert haben… (der damalige PR-Director zog die Augenbrauen in die Höhe und die Mundwinkel nach unten) Ist das denn überhaupt eine Wissenschaft?”

Natürlich hätte ich antworten können, was mir auf der Zunge lag: “Ja, sonst wäre es ja kein Studienfach einer staatlich anerkannten Hochschule!!!” Stattdessen verlegte ich mich auf die These, das Leben sei eine Bühne, gerade im Berufsleben spielten wir doch alle eine oder mehrere Rollen und die “Performance” sei doch ein Schlagwort der freien Wirtschaft. Der PR-Director war erstaunt. Nachdem ich ihm auch noch den Unterschied zwischen Philologie und Psychologie erklärt hatte, konnten wir entspannter miteinander reden. Bis heute frage ich mich, ob dieses einführende Geplänkel ein perfider Stresstest war oder ob ich es mit einem bornierten BWL-Fuzzi der Extraklasse zu tun hatte. Wie auch immer…ich bekam den Job.

Seitdem habe ich etliche Karriereschritte gemacht und bin in der freien Wirtschaft angekommen – als Marketing Communications Manager. Interessant ist, dass mein familiäres Umfeld – allesamt Geisteswissenschaftler – bis heute nicht verstanden hat, was ich eigentlich mache. Mein Vater behauptet gerne: “Sonja macht Reklame im Internet”. Naja…ich hab’s inzwischen aufgegeben, ihn zu korrigieren. Ich missioniere heute in 2 Richtungen. Meine Eltern (beide Sprachwissenschaftler) versuche ich davon zu überzeugen, dass ich es bei JobScout24 nicht den ganzen Tag mit geistlosen Krämern zu tun habe und meinen Kollegen beweise ich täglich, dass auch eine Romanistin was drauf haben kann.

Eins ist jedenfalls sicher: Arbeitgeber, die Geisteswissenschaftlern eine Chance geben, sind sicherlich mutiger und offener als andere, die nur Mitarbeiter mit dem richtigen Stallgeruch einstellen. Und ich wage die Behauptung: Unter Geisteswissenschaftlern gibt es genauso viele Pappnasen und Knallchargen wie unter den Wirtschaftswissenschaftlern, Maschinenbauern, Physikern oder IT-Spezialisten. Je nach Tätigkeitsbereich eignen sich andere Menschen für den Job. Ein Unternehmen lebt aber von der guten Mischung seiner Personalstruktur. Wachstum entsteht, wo sich Können und Wissen von Männern und Frauen, älteren und jüngeren Kollegen mit verschiedenen Ausbildungsbiographien verbinden – zum Wohl der Firma. Wer das nicht versteht, muss sich wohl weiterhin fragen, ob Theaterwissenschaft eigentlich eine Wissenschaft sei…

Ich werde später jedenfalls nicht die Augenbrauen hochziehen und die Mundwinkel runter, um meine Kinder zu fragen: “Ihr wollt XY studieren? Was wollt Ihr denn damit später mal machen? Und “zu schämen”, wie Frau Janson schreibt, braucht sich in meinen Augen niemand, der in Deutschland erfolgreich ein Studium abschließt. A propos, Frau Janson, was haben Sie eigentlich studiert???

Sonja



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Kommentare (2):

Sonntag, 18. Oktober 2009

Hallo Sonja,
sorry für die späte Antwort. Ich war – wie es sich für einen schreibenden Geiwi gehört – auf der Buchmesse. :-) .
Studiert habe ich Mittlere und Neuere Geschichte (Schwerpunkt Mittelalter), Vor- und Frühgeschichte und Italienische Linguistik. Und einen Zusatzstudiengang Deutsch als Fremdsprache.
Nein, schämen braucht man sich nicht. Aber es gibt eben leider Geiwis, die genau das tun. So in einem einige Jahre zurückliegenden Gespräch mit einem Unternehmensberater, der meinte, man werde bei einem Geisteswissenschaftlichen so erzogen, dass man keine Chancen in der Wirtschaft hätte – und er habe fünf Jahre gebraucht, sich da umzustellen. Herzlichen Glückwunsch.
Ich würde mich freuen, Ihren schönen Bericht in meine Datenbank http://www.beruf-suchen übernehmen zu können – natürlich gegen Verlinkung.
Vielleicht interessiert Sie auch unsere Gruppe “Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft” bei Xing.
Gruß
Simone Janson

Freitag, 16. Oktober 2009

Gut gebrüllt, Löwe!

Chapeau